Vom Seiteneinsteiger zum Chefarzt
Berlin, 10.10.2009.
Die Bundeshauptstadt Berlin ist eine Metropole der besonderen Art. Auch die Bundeswehr ist mit unterschiedlichen Verbänden und Einrichtungen vertreten. Eine Dienststelle ist das Bundeswehrkrankenhaus, welches kürzlich nach einer Erhebung der Techniker Krankenkasse zum besten Krankenhaus der Stadt im Rahmen einer Patientenzufriedenheitsbefragung gewählt wurde.
Das Bundeswehrkrankenhaus unterliegt den allgemeinen Anforderungen und Standards. Es unterscheidet sich kaum von einem zivilen Krankenhaus. Der Leiter des Krankenhauses ist auch hier ein Chefarzt, nur dass dieser zugleich einen militärischen Rang bekleidet. Dieser Chefarzt war nicht immer Arzt bei der Bundeswehr. Ein Portrait:
- Sehr geehrter Herr Oberstarzt Dr. Düsel, Sie haben vor gut einem Jahr die Führung des Krankenhauses übernommen. Welches waren für Sie persönlich die größten Herausforderungen in dieser Zeit?
- Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin hat sich den Slogan „Meine Stadt – Mein Krankenhaus“ auf die Fahne geschrieben. Was bedeutet dieser Ausspruch für Sie und Ihre Mitarbeiter?
- Sie haben nach langer Berufserfahrung den Schritt gewagt und haben sich bei der Bundeswehr als sogenannter „Seiteneinsteiger“ beworben. Was bewog Sie zu diesem Schritt und wie haben Sie die Bundeswehr erlebt?
- Inzwischen sind Sie Chefarzt des Hauptstadtkrankenhauses der Bundeswehr. War es für Sie persönlich schwierig, als Seiteneinsteiger diesen militärischen Weg zu gehen?
- Sie führen heute mit Ihren Mitarbeitern einen Tag der offenen Tür hier in Berlin durch. Was möchten Sie damit erreichen und wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf dieses Tages?
- Welchen Herausforderungen hat sich Ihr Krankenhaus in nächster Zeit zu stellen?

Oberstarzt Dr. Wolfgang Düsel wurde am 26.02.1949 in Würzburg geboren. Seine medizinische Laufbahn verbrachte er an verschiedenen Orten als chirurgischer Assistent in Münchberg / Oberfranken, Schweinfurt und Würzburg und als Oberarzt in der Universitätsklinik in Würzburg. Er ist Arzt für Chirurgie, sowie Facharzt für Gefäß- und Unfallchirurgie.
1990 bewarb er sich als Sanitätsoffizier bei der Bundeswehr und wurde mit dem Dienstgrad Oberfeldarzt eingestellt. Achtzehn Jahre später übernahm er die Leitung des Bundeswehrkrankenhauses Berlin.
Sehr geehrter Herr Oberstarzt Dr. Düsel, Sie haben vor gut einem Jahr die Führung des Krankenhauses übernommen. Welches waren für Sie persönlich die größten Herausforderungen in dieser Zeit?
Die erste Aufgabe war die Rezertifizierung des Bundeswehrkrankenhauses. Das war ein kontinuierlicher Prozess, der im letzten Herbst an Intensität zugenommen hat und bis zum Januar 2009 vollzogen wurde. Außerdem haben wir eine große Anzahl laufender Baumaßnahmen, die den laufenden Betrieb des Krankenhauses stark belastet haben.
Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin hat sich den Slogan „Meine Stadt – Mein Krankenhaus“ auf die Fahne geschrieben. Was bedeutet dieser Ausspruch für Sie und Ihre Mitarbeiter?
Wir wollen uns natürlich in erster Linie als Bundeswehrkrankenhaus verstehen, das ist auch unser Auftrag, aber – und das soll dieser Slogan auch wiederspiegeln – wir wollen auch ein Krankenhaus für die Berliner sein, für die zivile Bevölkerung. Das ist für uns eine ganz wesentliche Herausforderung, denn bisher ist das nur in Teilbereichen gelungen.
Die Stadt hat uns zwar wahrgenommen als Bundeswehr und als Bundeswehrkrankenhaus, es herrscht jedoch noch allgemein die Meinung vor, dass dies ein Krankenhaus für die Soldaten sei und zivile Patienten hier keinen Platz finden. Es hat sicherlich seinen Grund in der Geschichte dieser Stadt, weil die Bundeswehr bis zur Wende hier nicht vertreten war. Außerdem liegt dieses Krankenhaus im ehemaligen Ostteil der Stadt und die Ostberliner Bevölkerung zu DDR-Zeiten das Krankenhaus nicht nutzen konnte. Die umliegenden Bewohner dieses Stadtteils waren nicht Patienten dieses Krankenhauses, es war das Krankenhaus der Volkspolizei und stand der Bevölkerung nicht offen.
Nach der Wende waren wir ein sogenanntes Ostkrankenhaus, das gleichermaßen von Bürgern aus Ost- wie aus Westberlin gemieden wurde. Insofern hat der Slogan „Meine Stadt – mein Krankenhaus“ zum Ziel, dass der Berliner Bürger sich mit diesem Krankenhaus identifizieren kann.
Sie haben nach langer Berufserfahrung den Schritt gewagt und haben sich bei der Bundeswehr als sogenannter „Seiteneinsteiger“ beworben. Was bewog Sie zu diesem Schritt und wie haben Sie die Bundeswehr erlebt?
Bevor ich ursprünglich in Gießen zur Bundeswehr kam, habe ich in Würzburg an der chirurgischen Universitätsklinik viele Jahre als Oberarzt in leitender Funktion gearbeitet. Die Stelle in Gießen war ausgeschrieben wie jede andere Stelle in einer deutschen Klinik auch und ich habe mich dafür interessiert.
Letztlich hat mich der besondere Umstand gereizt diesen Schritt zu vollziehen, weil ich hier die medizinische Freiheit finde, die ich im Zivilen als Arzt heute nicht mehr finde. Das mag zwar zunächst mal erstaunen, denn in der Bundeswehr scheint alles reguliert und alles erscheint kompliziert, weil es zum Beispiel tausend Vorschriften gibt. Allerdings ist es einem Arzt in der Bundeswehr möglich die Medizin zu machen, die für den Patienten das Beste ist, ohne dass dahinter einer mit der „Kostenkeule“ steht oder aus anderen Gründen von Seiten der Verwaltung oder von Seiten der Klinikleitung auf die Behandlung Einfluss genommen wird.
Es ist aber nicht nur der Punkt der medizinischen Freiheit. Zum anderen ist es so, dass bei der Bundeswehr die Beschaffungsvorgänge zwar sehr bürokratisch sind, aber wenn man gelernt hat, mit den Instrumenten umzugehen, dann kann man bei der Bundeswehr eigentlich in Sachen Beschaffung alles erreichen was man für eine hochwertige Behandlung benötigt. Da steht man nicht schlechter als im zivilen Bereich da, man benötigt nur etwas mehr Geduld.
Inzwischen sind Sie Chefarzt des Hauptstadtkrankenhauses der Bundeswehr. War es für Sie persönlich schwierig, als Seiteneinsteiger diesen militärischen Weg zu gehen?
Auch bei der Bundeswehr ist ein Krankenhaus nur ein Krankenhaus und das funktioniert überall gleich. Man muss fachliche Qualifikation mitbringen, das Militärische und die militärische Hierarchie spielen beim Krankenhaus nicht die selbe Rolle wie in der Truppe. Im Krankenhaus spielt immer die medizinische Qualifikation die Hauptrolle. Ich hatte vorher an der Uni Würzburg bereits eine leitende Oberarztposition, so dass für mich der Unterschied nicht sonderlich groß war. Ich identifiziere mich mit dem Arbeitgeber, mit dem Militärischen, wenngleich ich in dieser Sonderrolle als Leiter einer Sanitätseinrichtung als Seiteneinsteiger unauffälliger tätig werden kann, als wenn ich in der Truppe wäre.Ich musste mir natürlich die militärischen Besonderheiten und Vorschriften aneignen, aber da bin ich reingewachsen. Ich hatte Vorgesetzte wie auch Mitarbeiter, die mir in kritischen Situationen geholfen haben, diese militärischen Erwartungen zu erfüllen. Ich war dann 1998 auch Kommandeur des damaligen Feldlazaretts Rajlovac für ein halbes Jahr. Das war eine Zeit, die mich entscheidend geprägt hat. Dort hatte ich sehr gute Mitarbeiter und einen sehr guten Stab, der mir sozusagen geholfen hat, wenn ich militärisch nicht weiterkam. Jedoch bin ich dann als Leiter einer chirurgischen Abteilung natürlich auch in einer militärischen Leitungsposition gewesen.
Wir haben hier in Berlin vor ein paar Jahren im Bundeswehrkrankenhaus ein operatives Zentrum gegründet, welches die chirurgischen Fachgebiete, also auch Orthopädie, Unfallchirurgie, Bauchchirurgie, Gefäßchirurgie und Thoraxchirurgie vereint hat. Als Leiter dieses operativen Zentrums hatte ich vorwiegend organisatorische Aufgaben übernommen, mich also auch ein Stück weit aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, so dass im letzten Jahr der Schritt zum Chefarzt für mich keine entscheidende Zäsur war. Im Grunde genommen bedeutete dieser Schritt für mich eine Intensivierung der Organisationstätigkeiten, die ich vorher auch schon hatte mit dem Unterschied, jetzt für das gesamte Haus verantwortlich zu sein. Zudem konnte ich viele Jahre als Leiter der Konsiliargruppe Chirurgie Erfahrungen sammeln. In dieser Position veränderte sich bereits mein Aufgabengebiet von der praktischen Arbeit weg hin zu organisatorischen Aufgaben.
Sie führen heute mit Ihren Mitarbeitern einen Tag der offenen Tür hier in Berlin durch. Was möchten Sie damit erreichen und wie bewerten Sie den bisherigen Verlauf dieses Tages?
Wir möchten das Krankenhaus in Richtung Stadt öffnen, und hier vor allen Dingen den Anwohnern in der Umgebung zeigen, dass wir ein Krankenhaus sind, das auch Zivilisten behandelt, dass wir 24 Stunden am Tag ihr Krankenhaus sind. Wir haben im Bereich der Rettung in den letzten zehn Jahren eine Steigerung von 2000 ambulanten Patienten im Bereich der Notfallrettung auf heute 16000 Patienten erreicht. Inzwischen kennt man uns hier in Berlin Mitte als die Einrichtung, die hier den Rettungswagen fährt.
Letztlich ist dieser Schritt heute mit dem Tag der offenen Tür der Weg mal unsere Nachbarschaft hier zu uns herein zu holen um denen zu zeigen was wir tun, was wir leisten können und dass wir für sie da sind. Es ist in dieser Form auch der erste Tag der offenen Tür für das Bundeswehrkrankenhaus Berlin überhaupt.
Welchen Herausforderungen hat sich Ihr Krankenhaus in nächster Zeit zu stellen?
Wir haben als Bundeswehrkrankenhaus zwei wesentliche Aufträge: Das ist einmal die Versorgung im Einsatz und zum zweiten als sogenanntes Role 4 Krankenhaus hier im Heimatland zur Versorgung der Soldaten zur Verfügung zu stehen. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, müssen wir eben unsere medizinischen Leistungen intensivieren, die Qualifikation unserer Mitarbeiter erhöhen und auf der anderen Seite auch unsere Patienten zufrieden stellen.
Wir haben eine gewisse räumliche Enge hier und zahlreife laufende Baumaßnahmen. Wir werden jetzt in diesem Jahr und Anfang nächsten Jahres eine neue Endoskopie, eine neue Uroradiologie mit Nierensteinzertrümmerer, eine Infektionsstation mit Hochsicherheitsbereich, eine intermediate care, eine neue Intensivstation und eine neue Radiologie in Betrieb nehmen. Nächstes Jahr beginnen die nächsten Baumaßnahmen mit einer Grundsanierung des Bettenhauses, der Küche, der Betreuungseinrichtungen und einer Notfallaufnahme.
Das sind auf der baulichen Seite die Herausforderungen für die nächsten zwei bis drei Jahre. Wir wollen uns hier außerdem etablieren im Bereich der Gefäßmedizin, was eine echte Herausforderung für unser Haus bedeutet. An der Gefäßmedizin sind zahlreiche Abteilungen beteiligt. Von der Neurologie bei Schlaganfallbehandlungen bis zu den Raucherbeinen bei den eigentlichen Gefäßpatienten, aber dazu gehört auch die Radiologie mit Interventionsverfahren. Wir wollen uns selbst hier in dieser Stadt weiter vernetzen, indem wir Kooperationen mit anderen Kliniken eingehen. Hierzu werden wir zum Beispiel mit der Verbrennungsklinik Marzahn eine Kooperation beginnen und das gleiche auch mit der Unfallchirurgie der Charité im Wedding. Wir denken, dass wir mit diesen Maßnahmen für die Zukunft unseres Hauses gut gewappnet sind.

